Nur die Spitze eines Zweiges!

Nur die Spitze eines Zweiges?

Oder nicht doch ein kleiner weißer Pudel auf einer Zweigspitze?

Es kommt auf die Sichtweise an, darauf, wie ich etwas wahrnehme, was ich sehe. Leben heißt, stets neue Sichtweisen zu finden, Alltägliches aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Diese Veränderung unserer persönlichen Art und Weise, zu photographieren und zu sehen, führte dazu, dies mit „initiatischer Photographie“ und „Gestalt Photographie“ zu umschreiben. Was ist das?

Das Wort Photographie ist zusammengesetzt aus den griechischen Worten „phos“ für Licht und „graphein“ für schreiben, malen, zeichnen.

Das Wort Initiatisch kommt vom lateinischen „initiare“ und bedeutet „einführen, einweihen“, letzteres sogar in der Bedeutung von Einweihen in ein Geheimnis.

Und Gestalt verweist auf die von Fritz Perls begründete Gestalttherapie, die einladen will, etwas rund, ganz, vollständig zu machen und in der Darstellung des Unvollständigen, nicht Perfekten ebenso wie in der Gestaltung der Bildkomposition eine „runde Sache“ aus dem Photo zu machen.

Initiatische und Gestalt Photographie wollen also einladen, in das Geheimnis der Lichtmalerei einzutauchen, Augenblicke einzufangen durch Momente, die anrühren, Situationen, die begeistern, und Eindrücke, die faszinieren. Die Lichtmalereien wollen das, was im „Betrachten“ darin zu „sehen“ ist und „in der Stille“ daraus „spricht“, in mein Leben bringen und mich so zu einem neuen, veränderten und letztlich bewussten Sehen und damit auch einer veränderten Lebensweise führen und auf diese Weise mein Leben verwandeln mit dem Ziel, die Welt künftig mit anderen Augen zu sehen und wahrzunehmen, nicht wie blind durch die Welt zu gehen und aus meinem Leben eine runde Sache zu machen.

Daran möchten wir andere teilhaben lassen. So werden auch neue „Gedanken zum Alltag“ entstehen, Booklets, die vielleicht auch andere inspirieren können, die Schöpfung und die Welt mit initiatischen Augen zu sehen.

Früher nannte man Photographen „Lichtbildner“. Wer alte Photos kennt und gesehen hat, weiß, dass es nicht nur „Bilder“ sind, sondern vielmehr „Malereien“ mit Licht. Es gab keine „Farb-Bilder“, sondern Schwarz-Weiß-Photos. Auf ein gutes Photo musste man lange warten, dafür Zeit haben, den richtigen Augenblick finden.

Der „Rollfilm“ 6×6 cm mit 12 Aufnahmen war teuer, und selbst später beim Kleinbildfilm mit 20 oder 36 Aufnahmen war jedes Photo kostbar. Filme mussten entwickelt und dann die einzelnen Photos vergrößert werden, um das Ergebnis zu sehen, und das konnte auch schon mal eine Woche oder länger dauern. Im digitalen Zeitalter für viele unvorstellbar.

Schau mit wachen Augen in die Welt und entdecke das Leben
Geh dem Licht entgegen
Brich auf in ein neues Leben
Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer bin ich wirklich?
Auch wenn ich gut „behütet“ bin, sollte ich hin und wieder suchen, ob sich nicht noch Neues findet.
Wo finde ich Ruhe und Besinnung?
Hast Du in Deinem Leben auch einen Plan, an dem Du Dich orientieren kannst?
Wo wirfst Du Deine Netze aus?
Licht und Schatten verlocken zum Entdecken
Muss es immer rundgehen, muss immer was los sein?
Manchmal darfst Du auch neugierig sein.
Abwiegen, abwägen, entscheiden: Die Gewichte müssen richtig verteilt sein.
Rauch: er lässt Feuer vermuten, einen warmen Ofen, einen Ort der Geborgenheit: Wo ist mein Zuhause – wo ist meine Heimat?
Ich werfe meine Angel aus: Angespannt und konzentriert beobachte ich: Das Leben gibt reichen Fang.
Graue Nebel versperren den freien Blick: der Weg geht dennoch weiter, auch ins Ungewisse.
Der Weg scheint versperrt, die Zukunft verbaut: ich übersehe den Durchgang zum Leben.
Die Stufen des Lebens mühsam gemeistert lassen die Anstrengung vergessen: lachend schaue ich zurück.
Abgestellt sind die Kindheitsträume: Damals folgen die Haare im Wind, war die Freude groß.
Die Sonne geht unter – im Dämmerlicht werden zwei eins.
Gemeinsam unterwegs finden wir den Ausweg aus dem Nebel.
Wie ein einsamer Segler über dem Wasser suche ich manchmal einen Ruheplatz.
Ein Kreuz und ein Baum vom Wind geneigt – das Leben verläuft nicht immer ohne Leiden.
Milchkannen – Gefüllt, geleert, gefüllt, geleert: Kreislauf des Lebens.
Nur durch den Abschied vom Alten und Gewohnten ist neues Leben möglich.

Genau da hat sich aber auch etwas gewandelt. Photographieren ist nicht mehr länger malen mit Licht, es ist in meinen Augen zum „Knipsen“ geworden. Alles und jedes wird festgehalten, doch es fehlt oft der innere Kern, es fehlt das, was anrührt, bewegt, was verwandelt, was aus dem Photo spricht.

„Wo warst Du in Urlaub?“ „Kann ich Dir noch nicht sagen, ich habe die Bilder noch nicht entwickeln lassen!“ – So war es früher. Ich habe nichts richtig gesehen, ich konnte ja zu Hause nachsehen, was ich alles fotografiert hatte. Und dann kamen möglicherweise die stundenlangen Dia-Schauen im Familien- und Freundeskreis, die eher nervig als erfreulich waren.

Heute geht das in anderer Weise weiter: Wir haben erlebt, dass ein Besucher eine historische Kirche betrat und bereits nach drei Minuten wieder verließ. Dazwischen lagen dreißig Bilder, digital aufgenommen, einmal rundherum alles „geknipst“. Die Speicherkapazitäten in den Smartphones werden immer größer, die Zahl der „Selfies“ ebenso (was machen die Menschen mit all den Selfies, wenn sie sich irgendwann trennen, was heute ja nicht selten ist?), die „Cloud-Speicher“ für Bilder gibt es mittlerweile mit unbegrenzter Speicherkapazität zum Nulltarif. Der digitale Bilderwahnsinn hat Einzug gehalten. Und wer schaut sich wann die Masse der Bilder noch an?

Und wenn man uns dann ein Smartphone unter die Nase hält, auf dem wir in „Miniformat“ die letzten hundert Urlaubsbilder bewundern soll, finden wir das nur noch nervig.

Dabei geht es doch beim Photographieren stets darum, dem Geheimnis „Schöpfung“ nachzuspüren, Augenblicke der „Ewigkeit“ zu erahnen.

Im Jahr 2006 wurden das erste Photo-Buch mit Texten in der Reihe „Gedanken zum Alltag“ veröffentlicht. Vier weitere Photo-Bücher folgten. Es waren Einladungen, sich verwandeln zu lassen, im Alltag innezuhalten, die Schöpfung mit anderen Augen zu sehen und nachdenklich zu werden über das eigene Leben.

Mittlerweile hat sich selbst unser Sehen und vor allem Photographieren gewandelt. Es gehört zwar auch immer noch der Sonnenaufgang oder -untergang dazu, doch es sind mehr und mehr die „Kleinigkeiten“ am Rande geworden, die „Nebensächlichkeiten“, die in der Hektik und im Stress nicht wahrgenommen werden, an denen Menschen achtlos vorbeilaufen und die uns inspirieren.

Wir laden Sie ein, dem ebenfalls nachzuspüren und „initiatisch“ zu werden: die Welt mit neuen Augen zu sehen.